Frei geben, frei werden

In der Praxis eines Berliner Facharztes für Pränataldiagnostik hängt im Wartezimmer ein Gedicht von Gerhard Kiefel (dessen Bücher allesamt vergriffen zu sein scheinen). Es richtet sich zunächst einmal an die Eltern, betrifft aber bei genauerem Hinsehen durchaus die Kinder, die heranwachsen und ihr eigenes Leben zu leben haben.

An meine Eltern


Manchmal denke ich nach und sinne und frage,
warum ich da bin. -
Ob Ihr wohl wisst,
dass ich Euch anvertraut bin
für einige Jahre,
aber nicht Euer Besitz ?
Ihr habt mich nicht so,
wie man sich Dinge anschafft
und dann mit ihnen umgeht,
solange sie einem gefallen.
Euch gehöre ich nur,
soweit Ihr mich Euch vertraut macht
und Verantwortung übernehmt für mein Leben. -
Meine Eltern,
wenn ich älter werde und anders,
als Ihr es gewünscht habt
wenn Ihr bemerkt,
dass mit mir ein anderes Leben begann,
auch ein fremdes, das Eurem Leben nicht gleicht -
werdet mir Freunde,
die mich bejahen, so wie ich bin.
Schenkt mir Liebe,
die annimmt, vertraut und begleitet,
damit ich sie lerne
und mutig werde zu schenken. -
Mein Vater und meine Mutter,
wenn Ihr mich freigebt aus Liebe,
Kann ich mich finden und Euch und das Leben.
Sonst nicht.

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1 comment


  1. Das Gedicht erinnert mich an die Trennungs- und Scheidungskinder, deren Wünsche und Sehnsüchte ich in “20 Bitten von Kindern von ihre getrennten ider geschiedenen Eltern” kleidete sowie an Khalil Gibrans wunderbare Mahnung “Eure Kinder sind nicht eure Kinder”. Es gefällt mir sehr.

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